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Freitag, 9. November 2018 - 17:00

Nie wieder ! Stolpersteineputzen und Kundgebung

80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Aufruf zur Kundgebung und anschließendem Stolpersteinputzen am 09. November 2018

Am 9. November 2018 jährt sich der Höhepunkt der Novemberpogrome, die sog. Reichspogromnacht, zum 80. Mal. Zwischen dem 7. und 13. November 1938 haben die Nazis etwa 400 Menschen ermordet und über 1400 Synagogen und Gebetshäuser, sowie tausende Wohnungen und Geschäfte von Juden und Jüdinnen zerstört. Zwischen dem 10. und 13. November wurden ungefähr 30.000 Jüdinnen und Juden in Konzentrationslagern verschleppt. Die Pogrome markieren den Übergang von der systematischen Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur offenen, systematischen Verfolgung und Vernichtung. Am Ende des Krieges hatten die Deutschen sechs Millionen Menschen "industriell" ermordet.

Am 9. November 1938 kurz vor Mitternacht beschloss die mainfränkische NSDAP-Führung, dass "in kürzester Frist Aktionen gegen die Juden, insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden." Die Würzburger NSDAP-Ortsgruppe Süd stand am nächsten Morgen abmarschbereit auf dem damaligen Kickers-Platz in der Randersackerer Straße. Der 1000 Mann starke Nazimob durchkämmte die Sanderau, demolierte Wohnungen und nahm Bewohner_innen fest. Zerstörungskommandos von SS und SA verwüsteten Wohnungen, verprügelten jüdische Menschen in ihren eigenen vier Wänden und verschleppten sie in die Lager. An der Residenz versammelte sich ein weiterer Mob. Würzburger_innen sahen zu und halfen Geschäfte, die von Jüd_innen betrieben wurden, in der Innenstadt zu zerstören.

An der Ecke Domerschulstraße/Kettengasse stand die Hauptsynagoge. SS- und SA-Männer überfielen das Gotteshaus. Sie zerschlagen die Inneneinrichtung, den kostbaren Schmuck, Leuchter und die Fenster der Hauptsynagoge, stecken diese nur aufgrund der engen Bebauung nicht in Brand. Anders erging es der Synagoge in Heidingsfeld. Deutsche zündeten den prächtigen Barockbau in der Nacht auf den 10. November an. Die Synagoge brannte komplett nieder und auch in Heidingsfeld wütete ein faschistischer Mob in Häusern jüdischer Familien.

Überall in Unterfranken, Bayern und Deutschland ereignete sich ähnliches. Die Strategie der Faschisten war aufgegangen. Die Saat des Antisemitismus ging auf. Deutsche Bürger_innen leisteten den NSDAP-Kommandos Beihilfe. Widerstand existierte so gut wie nicht mehr.

Heute fragen sich viele Menschen, wie es so weit kommen konnte, als aus Nachbar_innen, Mitbürger_innen und Kolleg_innen ein deutscher Mob wurde, der Jüd_innen angriff. Die Verbrechen der Zeit des Faschismus werden in Deutschland immer wieder thematisiert. Die Bilder von Leichenbergen aus den Vernichtungslagern, die Fotos brennender Synagogen und Videos auf denen deutsche Soldaten Massenerschießungen durchführen, sollten eigentlich ausreichen, um zu sagen: Nie Wieder!

Doch alleine durch permanentes Darstellen der Grausamkeiten des Faschismus werden wir ihn nicht besiegen. Heute grassiert ein Antisemitismus in unserer Gesellschaft der Codes verwendet. Nur noch die radikalsten Faschist_innen und Islamist_innen artikulieren offen, dass sie "die Juden" umbringen oder vergasen möchten. Heute versteckt sich der Antisemitismus hinter Chiffren. Nicht "die Juden", sondern die Ostküstenfinanzmafia oder George Soros sollen herhalten für das Versagen des Kapitalismus. "Israelkritik" (gibt es eigentlich das Wort "Polenkritik" oder "Türkeikritik"?) grassiert in seriösen Medien (Spiegel, Augstein) ebenso, wie in rechtsradikalen und verschwörungstheoretischen Kreisen. Der Glaube an eine Elite, die alles kontrolliert, erfüllt einfachste menschliche Sehnsüchte nach einem einfachen Weltbild.

Das Gegenstück zu "dem Volk" sind "die da oben". Nur wenn "die da oben" vernichtet sind ist das Volk frei. So erzählen es moderne rechtspopulistische Parteien. Auch wenn sich Parteien, wie die AfD immer wieder mit dem Judentum oder Israel solidarisieren, legen sie ihre antisemitische Denke immer wieder offen. Sei es ein Gauland, der in der FAZ in Hitlermanier von einer globalisierten Weltelite schwadroniert oder ein Höcke, der immer wieder eine "erinnerungspolitische Wende" fordert.

Auch in der Popkultur ist der Antisemitismus zurück. Die Debatte um die Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang zeigt, dass das Konstrukt des Antisemistimus nicht verstanden wird. Nicht die geschmacklosen "Auschwitz-Lines" von Farid Bang alleine sind das Problem. Wenn Evolutionsleugner Kollegah in Liedern, wie "Apokalypse" die Geschichte einer gegeiselten Welt erzählt, die kontrolliert wird von dunklen Männern im Hintergrund, die Davidstern tragen, niemand aber versteht was daran antisemitisch ist, dann haben wir ein Problem.

Antisemitismus ist nicht einfach gleichzusetzen mit einer Art Rassismus gegen Juden und Jüdinnen. Antisemitismus bestimmt die komplette Denke eines Antisemiten. Die perfekte Verschwörung, lässt sich in antisemitischen Denkmustern eben nur mit der Vernichtung der verschwörerischen Elite, überwinden. So funktionierte der Antisemitismus der NSDAP und so funktioniert er heute bei Hamas und faschistischen Parteien wie dem "Dritten Weg".

Offener Antisemitismus, der Jüd_innen konkret benennt, ist heute in Deutschland zurecht Tabu. Doch der neue Antisemitismus, der sich hinter Verschwörungstheorien, "Israelkritik" und unreflektierter Elitenkritik versteckt, stellt heute eine große Gefahr für Jüd_innen dar. In Deutschland wurde die Funktionsweise des Antisemitismus nie von der Mehrheit verstanden. In der Schule und Gesellschaft wird eine Debatte über Antisemitismus geführt, die häufig oberflächlich bleibt.

Es muss endlich über Antisemitismus in all seinen Formen und Erscheinungen aufgeklärt werden. Nie wieder dürfen wir zulassen, dass jüdisches Leben angegriffen wird. Wir fordern eine ernsthafte, gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sonst haben wir gar nichts aus der Geschichte gelernt.

Kommt am Freitag, 9. November 2018 um 17 Uhr zur Kundgebung am Vierröhrenbrunnen. Nach der Kundgebung wollen wir an jedem Stolperstein in Würzburg eine Kerze aufstellen, um den Opfern des faschistischen Terrors zu gedenken.

Gegen jeden Antisemitismus!

17:00: Kundgebung am Vierröhrenbrunnen

danach: Stolpersteine Putzen, Kerzen aufstellen etc.

Nehmt Putzutensilien mit (http://www.stolpersteine-bremen.de/download/L…)

Putzt die Stolpersteine in eurer Nachbarschaft, ladet Freund_innen und Bekannte ein.

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